Großherz, Berlin

Ich habe mich nun schon länger nicht mehr zu einem Restaurant geäußert – nicht weil ich keines besucht hätte, sondern weil mich das Preis-Leistungs-Verhältnis (PLV) nie wirklich überzeugte. Für einen Wochenendbesuch in der Hauptstadt hatte ich mir zwei Restaurants rausgesucht: das eine war eine bekannte Adresse aus der Liga „Hotelrestaurants“. Das 4 Gang-Menü samt Weinbegleitung gab es für 99 EUR – die Flasche Wasser kostet mich 8 EUR und der Espresso schlug mit 4 EUR zu Buche. Ich habe dort gut gegessen, aber das PLV passte nicht – insbesondere konnte der Fleischgang (geschmorrte Rindsschulter) geschmacklich nicht überzeugen. Ich bleibe also meiner Linie treu und nenne dieses Haus nicht!

Ganz anders das Großherz, auf das ich zufällig im Internet gestoßen war.

Ich fang mal mit der Kritik an (dann habe ich es hinter mir): da kein Menü angeboten wird, habe ich mir meine eigene Menüfolge gebaut, angefangen mit einem Onsenei an Sellerie, Apfel und Walnuss für 6 EUR. Das Ei war vom perfekten Ei leider weit entfernt. Ich weiß nicht, wie viel Arbeit man sich mit dem Ei gemacht hat – das Ergebnis entsprach einem gekochten Ei (und auch das war geschmacklicher Durchschnitt). Das aus meiner Sicht perfekte Ei badet 55 Minuten bei 64° Celsius (ab 65° Celsius denaturiert das Eigelb – das Eiweiß stockt bei 70°). Mit beiden Faktoren, also Zeit und Temperatur, kann man spielen. Das wird der Koch sicherlich geübt haben – mich hat es nicht überzeugt. Das gilt im übrigen auch für das Ei selber – kennt jeder: manche Eier schmecken, andere nicht. Ich bin der Überzeugung, dass hier nichts über echte Freilandhaltung geht – das Huhn soll auch Kräuter picken dürfen und gelegentlich ein Insekt oder einen Wurm verspeisen. Wenn ein Ei mal nicht so gut gelingt, hilft immer noch Salz. Auskunftsgemäß ist es Konzept des Hauses, sparsam mit Salz umzugehen und dem Gast nur auf Nachfrage welches anzubieten – nun ja….

Genug gestänkert – der „Rest“ war gut bis sehr gut und der Preis auf jeden Fall angemessen!

Als Getränk entschieden wir uns für eine Flasche vom Weingut Pfeffingen aus der Pfalz – Rebsorte Roter Riesling. Ich wusste bis dato gar nicht, dass es diese Sorte gibt (das Weingut selbst bezeichnet sie als Urform des Rieslings, an anderer Stelle kann man nachlesen, dass es sich wohl um eine Mutation handelt) – auf jeden Fall eine Empfehlung!

Der Zwischengang war eine Petersilienterrine mit eingelegten Pfifferlingen, Sellerieschinken und Fichtenmarmelade für 12 EUR. Den Köchen ist es hier gelungen, die unterschiedlichsten Aromen hervorragend zu kombinieren – geschmacklich befindet man sich in einem Kräutergarten, aber ohne die sonst dominierenden Aromen von Basilikum, Thymian und Rosmarin. Für den Sellerieschinken musste kein Schwein sterben – er verdankt seinen Namen dem ausgewogenen Raucharoma. Last but not least: Fichtenmarmelade – die ausgekochten jungen Fichtentriebe haben einen hervorragenden Geschmack (und würden sicherlich auch zu „richtigem“ Schinken passen).

Da wir zu zweit vor Ort waren, kam ich in den Genuss von zwei Hauptspeisen: Zum einen Maibock mit Kartoffeln, grünen Bohen und fermentierten Johannesbeeren (23 EUR) – hier bin ich schnell: lecker! Fleisch von sehr guter Qualität auf den Punkt medium rare und Dank der herbeigeschafften Salzflocken für mich perfekt! Zum anderen (und das war wirklich der Hammer): eine ganze Wachtel vom Holzkohlegrill, glasiert mit Essigsud und Wildkräutersalat (16 EUR). Ich habe noch nie so eine Wachtel gegessen! Dazu gab es Polenta – die wiederum wenig mit ihrem italienischen Vorbild zu tun hat – vielmehr war es ein Maisbrei mit ganzen Maiskörner und so irre abgeschmeckt, dass mir beim Schreiben über diese Beilage das Wasser im Mund zusammenläuft!

Zum Abschluss – nach langem abwägen aufgrund bislang mäßiger Erfahrung in anderen Restaurants – entschieden wir uns für eine Käseplatte (5 Sorten – 14 EUR). Neben den bisherigen Erfahrungen schwingt bei mir immer mit, dass im Restaurant keine Veredelung stattfindet, i.e. ich Käse auch im Fachgeschäft kaufen und zuhause genießen kann. An dieser Haltung wird sich nichts ändern, dennoch möchte ich die Käseauswahl im Großherz loben!

Last but not least: der Service im Großherz hat offensichtlich Spaß an der Arbeit und das überträgt sich auf die Gäste. Wir haben uns extrem wohl gefühlt – vielen Dank dafür!

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